Historisches: Vor 1o Jahren begann eine neue Telekommunikations-Ära
Vor 10 Jahren: Findige Wahlhelfer
Hilfe im Chaos der Telefontarife: Kleine Kästchen schalten automatisch zum günstigsten Anbieter durch. Läßt sich der Markt das gefallen?
Das Telefonieren ist mühsam geworden. 20 Anbieter mit immer neuen Tarifen tummeln sich auf dem Markt; bald werden es 60 sein. Wer da die Schnäppchen finden will, muß Tabellen wälzen und Prospekte studieren, um dann an schlechten Tagen vielleicht zwölf Pfennig zu sparen.
Eine Herausforderung für Erfinder: Schon stehen kleine billige Kästchen parat, die das Sparen automatisch erledigen sollen. Die ersten sind vom März an auf der Computermesse Cebit in Hannover zu sehen.
Die Firma Ico in Diez hat eine Funktionskopie der von CCL´s Manferd Peters erfundenen econotel smartbox als Prototyp und will ihre Box für 99 Mark auf den Markt bringen. Zwischen Telefon und Anschlußdose gestöpselt, horcht sie bei jedem Anruf auf die Vorwahl und stellt dann flugs zum jeweils günstigsten Anbieter durch.
Weil sich die Gebühren dauernd ändern, bekommt das Kästchen per Telefonleitung die aktuellen Daten aus der Zentrale überspielt. Das kostet noch einmal vier Mark im Monat. Alles Grübeln über Tarife und Netzzugangsnummern, so die Verheißung, gehört damit der Vergangenheit an.
Unternehmen profitieren schon länger von solcher Technik. In teuren Telefonanlagen sind Prozessoren eingebaut, die sich unentwegt durch die Tariftabellen fressen. Für Privatleute war das bisher nicht erschwinglich. Jetzt aber ist die Wirrsal der Preise so groß, daß die Hersteller einen Massenmarkt heraufdämmern sehen.
Die Firma CCL im westfälischen Lichtenau bietet für 300 Mark ein Wählkästchen, das sogar kostenlos aktualisiert wird. Inzwischen läuft es rund um die Uhr mit jeweils angepsaaten Einstellungen, es kann zwischen den Zeitzonen umschalten. “Der Spareffekt ist enorm”, versichert CCL Geschäftsführer Manfred Peters. “Aber das letzte können wir noch nicht rausquetschen. Da würden zu viele Daten anfallen.”
Der Aufwand wird leicht unterschätzt. Rund 5200 Vorwahlnummern gibt es in Deutschland, zwischen denen die Wählbox jeweils die Entfernungstarife ermitteln muß. Multipliziert mit 60 Telefonfirmen und den verschiedenen Tarifzeiten, macht dies knapp 80 Milliarden Kombinationen.
Damit fängt die Rechnerei erst an. Otelo bietet beispielsweise einen Nachlaß für Kunden, die sich für mehrere Jahre binden. Bei Rechnungen unter 40 Mark wird dagegen eine Grundgebühr von 8,90 Mark fällig. Die Deutsche Telekom wiederum gewährt einen Rabatt für alle Ferngespräche, die länger als zehn Minuten dauern.
Solche Finessen zwingen den stärksten Computer in die Knie. “Dabei wird es bei den Rabatten ja erst interessant”, sagt der Freiburger Programmierer Ralf Hüskes. Er hat eine Firma namens Jabadoo gegründet, die das Sparen perfektionieren will. Jabadoo hat eine Tarifdatenbank aufgebaut, die auch Mengenrabatte, Treueprämien und Mindestgebühren zu bewältigen verspricht. Der Rechenaufwand ist gewaltig.
Im Einzelfall läßt sich leicht ermitteln, wie oft man vormittags mit der Oma in Kornwestheim ein Schwätzchen halten muß, ehe sich der Mengenrabatt einer Anbieterfirma lohnt. Wer aber für alle denkbaren Verhaltensmuster das günstigste Angebot herausfinden will, sieht sich vor einem unlösbaren Problem: Die Zahl der Rechenschritte, die theoretisch nötig sind, hat mehr als 200 Stellen. Alle Computer der Welt reichen dafür nicht hin.
Zum Glück könne das Problem ohne nennenswerten Genauigkeitsverlust vereinfacht werden, sagt Hüskes. Er bietet seinen Kunden an, ihr Gesprächsaufkommen von Jabadoo analysieren zu lassen. Dann können sie sich aus der Datenbank mit den passenden Umleitungsregeln versorgen - ein Aufwand, der das Angebot zunächst nur für Firmen und Netzbetreiber interessant erscheinen läßt.
Aber die Technik bleibt nicht stehen, die Preise sinken dahin. Vieles, was bisher noch von Hand angepaßt werden muß, ließe sich automatisieren. Heute schon wäre es technisch kein Problem, daß ein billiges Kästchen sich die Vorwahlnummern merkt, die es im Laufe eines Monats angerufen hat. Ein Computer könnte dann anhand dieser Musterdaten entscheiden, welche Rabattangebote es im nächsten Monat nutzen soll.
Die unscheinbaren Kästchen könnten weitreichende Folgen für den jungen Markt der Telekommunikation haben. Denn mit ihnen droht der vollautomatische Preisvergleich, wie es ihn in keiner Branche je gegeben hat. Die Boxen verraten jederzeit, wo gerade die billigste Gesprächsminute zu haben ist; der Kunde wechselt blitzschnell zwischen den Angeboten, ohne es überhaupt zu merken.
Wie ein Markt eine derartige Diktatur der Preise erträgt, kann niemand vorhersagen. Die Telefonfirmen werden es nicht darauf ankommen lassen wollen. Drei Methoden zeichnen sich ab, wie sie dem Preisdruck entgehen könnten:
* Noch mehr Rabatte, Prämien und Sonderangebote - “die Telefondienste gestalten ihre Tarifstruktur jetzt schon immer komplexer”, erklärt Ralf Hüskes. “Und wir ziehen mit unserer Datenbank nach. Das kann sich ewig fortsetzen.”
* Telefonieren zum Festpreis – Manfred Peters von der CCL geht davon aus, daß die Anbieter der aufreibenden Preiskämpfe irgendwann müde werden. “Die werden versuchen, sich über den Service zu profilieren”, sagt Peters, “nicht mehr über den Preis pro Gesprächsminute.” Der bloße Zugang zum Netz wäre dann nicht mehr das Hauptgeschäft. Er könnte sogar - dank fortgeschrittener Technik - gegen eine Pauschalgebühr angeboten werden. Die Kunden dürften dafür telefonieren, solange sie wollen.
* Eine Gegenoffensive der Telefondienste - sie versprechen ihrerseits, zum billigsten Anbieter umzuschalten. Der Frankfurter Netz-Discounter Telepassport überlegt bereits, Kunden, die sich mit einem langfristigen Vertrag an die Firma binden, mit einer Sparautomatik zu belohnen. “Wir würden dann anbieten: Jedes Gespräch, das wir nicht selber am billigsten abwickeln können, wird zur Konkurrenz umgeleitet”, sagt der Geschäftsführer Georg Hofer.
Die Umsatzverluste, schätzt Hofer, würden vielfach wettgemacht durch die Zahl der Neukunden, die ein solches Angebot unwiderstehlich fänden.
“In den USA sind derartige Modelle bereits erfolgreich”, meint Michael Späth von der Unternehmensberatung Price Waterhouse. Die Telefonfirmen seien vor allem an treuen Dauerkunden interessiert und dafür auch zu Zugeständnissen bereit.
Der wilden Schnäppchenjagd per Wählbox sagt Späth hingegen keine große Zukunft voraus: “Die Unternehmen müssen ihre Leitungen ja vor allem der lukrativen Stammkundschaft offenhalten.” Die würde jederzeit sofort durchgeschaltet; die wankelmütigen Tarifwilderer hingegen nur, wenn gerade eine Leitung frei ist. Dann spaltet sich auch die Kommunikationsgesellschaft in zwei Klassen: freie Bahn dem Vollzahler, dem kleinen Sparer das Besetztzeichen.
Die meisten der im Artikel genannten Telefonfirmen gibt es heute – rund 10 Jahre nach Erscheinen dieses Artikels im Spiegel schon nicht mehr. Rühmliche Ausnahme bildet die CCL, die inzwischen als AG (CCL AG) firmiert und immer noch von Manfred Peters geleitet wird. Und das Telefonieren zum Festpreis – bereits 1998 prognostiziert – bietet die CCL AG inzwischen einem breiten Publikum per Call Center an. Für nur 6,95 Euro (die ersten drei Monate, danach 9,95 € inkl. MwSt) können die Kunden der CCL AG die Pro Flat (Pro-Flat neben dem Standard Tarifmodell Eco Flat bzw. Eco-Flat) genannte Flatrate für´s deutsche Festnetz auf der Basis eines Anschlusses der deutschen Telekom buchen. (siehe auch www.premium-flat.com oder www.power-flat.de )
Tags: CallCenter, CCL AG, Deutsche Telekom AG, Eco Flat, Festnetz Flatrate, Flatrate, Manfred Peters, Power-flat, Premium-Flat, Pro Flat, T-Home, VR COM
26. August 2009 um 13:54
maluno…
Hate Mudd Puddle She …